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Psychologielexikon

Überarbeitete Ausgabe

Psychologielexikon

Psychopathologie

Autor
Autor:
Klaus-Dieter Zumbeck





Begriffsklärungen

Psychopathologie (vom griech.: psyche = Seele, pathos = Krankheit, Unglück und logos = Wort, Rede) ist die “Lehre von den Leiden der Seele” oder – fachlich ausgedrückt – die Lehre von der Symptomatik psychischer Störungen. Psychopathologische Symptome sind Zeichen, die es gilt zu erkennen, zu verstehen, zu entschlüsseln und therapeutisch zu nutzen. Dabei geht es nicht nur um das Krankhafte schlechthin. Die Psychopathologie sollte uns näher zum ganzen Menschen führen und nicht nur seine abnormen Erlebnis- und Verhaltensweisen aufzeigen. Vielmehr muß deutlich werden, was an ihnen noch gesund ist, um therapeutisch arbeiten zu können. Der Patient “hat” nicht Symptome, sondern er erlebt bestimmte Erfahrungen und verhält sich daher in beschreibbar von der Gruppennorm abweichender Weise. Nichts von seinem Tun ist schlechthin unsinnig. Das macht die Psychopathologie zur Erlebnislehre und eröffnet den therapeutischen Zugang. Nur so wird man dem ganzen kranken Menschen gerecht. Deshalb ist gerade die beschreibende Psychopathologie keine statische Psychiatrie. Wer sorgfältig und kritisch beobachten und beschreiben gelernt hat, wird bald erkennen, daß Psychopathologie etwas unaufhörlich Bewegtes ist. Und daß kein Gegensatz zwischen deskriptiver Psychopathologie und Psychodynamik besteht, sondern das eine auf dem anderen aufzubauen vermag. Das setzt allerdings das entsprechende Wissen, aber auch Empathie, Toleranz und vor allem Zeit und Geduld voraus. Denn das Erleben und Verhalten eines Menschen steht in manngfacher und lebendiger Wechselbeziehung, eingebunden in einen sozialen Kontext (womit jede Psychiatrie eigentlich von sich aus zur Sozialpsychiatrie wird). Das wichtigste ist das Gespräch, das “schlichte Hinhören-Können” und damit Verstehen, eine Kunst, die nebenbei nie abgeschlossen ist. Glückt das Gespräch, so treten viele sogenannte psychopathologische Symptome zurück – und kommen wieder, sobald der Betroffene allein oder in einer bedrückenden Umgebung zurückgelassen wird. Deshalb darf man einen Kranken nie isoliert betrachten. Es gibt z. B. nicht die Schizophrenie schlechthin, sondern den schizophren Erkrankten in seiner Umgebung und damit entsprechenden psychosozialen Bedingungen. Ein weiteres Phänomen sind die Begriffe normal, gesund, abnorm und krank. Sie sind bisher keineswegs zureichend klar festgelegt, denn die Diskussion darüber ist immer noch im Gange – und prägt die Psychopathologie im allgemeinen und die “Arbeit am Kranken” im speziellen.



Psychopathologische Symptome

Psychopathologische Symptome sind zwar gleiche oder ähnliche Erlebens- oder Verhaltensweisen, die sich aus dem alltäglichen Gewöhnlichen des Menschen eines bestimmten Kulturkreises herausheben. Doch kein einziges Symptom für sich genommen ist schlechthin abnorm oder gar krankhaft. Denn alle Krankheitszeichen können sich unter besonderen Umständen auch beim Gesunden finden. Psychopathologische Symptome sind also nicht schlechthin krankhaft. Viele sind zwar ungewöhnlich, aber als Einzelerfahrung menschliches Allgemeingut. Dies gilt sogar für “auffällige Zeichen” wie Halluzinationen, verändertes Leiberleben u.a. “Krankheitszeichen” werden sie erst, wenn sie in einer bestimmten Schwere, Dichte, Häufigkeit, Verbindung und Dauer auftreten, und damit den Menschen leiden machen und in seiner Lebensführung behindern. Das Symptom ist die kleinste beschreibbare Untersuchungseinheit. Immer wiederkehrende typische “klinische Bilder” oder Symptomverbände nennt man Syndrome, also eine erscheinungsbildlich typische Symptomenkombination. Meist besteht aber keine enge Korrelation zu einer gleichbleibenden Ursache: Psychiatrische Syndrome sind also in der Regel noxen-unspezifisch. Die Psychopathologie verhilft vor allem zur Diagnose, d.h.: Erkennen eines klinisch beobachtbaren psychopathologischen Bildes, also Symptom, Syndrom, Zustandsbild, Zustands-Verlaufs-Bild u.a., als typisch und wiederholt in ähnlicher Grundgestalt vorkommend. Die Diagnostik, also der Erkenntnis- und Zuordnungsbegriff, wird heute in Verkennung ihres wahren Sinnes vielfach als “Etikettierung” verunglimpft. Das ist ein Fehler. Denn Sinn und Ziel ist ja die therapeutische und prophylaktische Handlungsanweisung, die ohne eine exakte Beurteilung des Zustandsbildes nicht möglich ist.



Der differentialdiagnostische Prozeß

Die klinische Untersuchung ist ein komplexer Entscheidungsprozeß, der folgendermaßen aufgebaut ist:

1) Das klinische Interview ist das ärztlich-psychologische diagnostisch-therapeutische Gespräch, hat also doppelte Zielsetzung: a) diagnostisch: gegenwärtiger Zustand, biographische Entwicklung, aktuelle Konstellation, Situation zur Zeit bzw. vor der Erkrankung; b) therapeutisch: Gesprächszugänglichkeit, Beziehungsfähigkeit, Bereitschaft, Therapiebedürfnis, therapeutische Ansprechbarkeit (Introspektionsfähigkeit, Offenheit, Kooperationsfähigkeit, Flexibilität). Dabei gibt es verschiedene Möglichkeiten:

– Das freie klinische Interview: direkte und offene Fragen; allgemein gehalten regt es zum Erzählen an, mit speziellen Fragestellungen induziert es eher knappe (ja-nein-) Antworten.

– Indirekte Fragen, die sich an u. U. heikle Erlebnisbereiche herantasten oder erklärende Einleitungen ermöglichen sollen, die es dem Patienten erleichtern, ungewöhnliche, angstmachende Erlebnisse zuzugeben bzw. erstmals auszuformulieren.

– Alternativfragen, die meist knappe Antworten induzieren (ja-nein); Suggestivfragen sind zu vermeiden.

2) Der Psychopathologie-Status ist die Erhebung der vom Patienten selber spontan oder auf Befragung vorgebrachten Erfahrungen (“Beschwerden”) sowie die Verhaltensbeobachtung. Das ist im freien klinischen Gespräch oder in standardisierter bzw. semistandardisierter Weise möglich. Für die klinische Psychiatrie hat die Fremdbeurteilung Vorrang vor der Selbstbeurteilung. Die Anamnese besteht aus allgemeiner Anamnese (biographische, soziale, medizinische Daten), aus spezieller Krankheitsanamnese (Entwicklung des jetzigen Krankheitsbildes, Verlauf), Familienanamnese (soziale und medizinische Daten, erbliche Belastung), Eigenanamnese (vom Patienten selbst erhobene Daten) sowie Fremdanamnese (von Angehörigen, Bekannten, Kollegen, Vormund usw.) erhobene Angaben zu obigen Aspekten.

3) Der Somato-Status enthält körperliche (insbesondere neurologische) Untersuchung sowie entsprechende Labor- und sonstige Daten (Blutzucker, Blutfette, Liquor, EEG, EKG, EMG, Computertomographie, Kernspintomographie u. a.)

Im differentialdiagnostischen Prozeß geht es um die Zuordnung des beschriebenen Bildes zu den erhobenen Befunden und den anamnestischen Angaben. Gibt es Leitsymptome oder -syndrome, die eine regelhafte Zuordnung erlauben (“Muster erkennen”)? Welche Diagnosen scheiden aus (per exclusionem-Diagnose)? Welche zusätzlichen klinischen und sonstigen Daten sind noch zu erheben, welche Informationen fehlen, was kann zu einer Vermutungs-Diagnose beitragen? In praxi spielt die “intuitive” Anhiebsdiagnose (die klinische “Nase”) eine große Rolle, was allerdings - von einer gewissen Begabung abgesehen - eine Frage der Erfahrung (und damit meist Dienstzeit) ist. Das Ziel jedes diagnostischen Entscheidungsprozesses ist die Zuordnung eines klinisch feststellbaren Erscheinungsbildes zu einer Diagnose im Sinne einer Ätiologie (Lehre von den Krankheitsursachen) sowie Pathogenese (Krankheitsentstehung bzw. -entwicklung), begrifflich als Ätio-Pathogenese zusammengefaßt. Leider läßt der derzeitige psychiatrische Wissensstand (insbesondere auf biologischer Ebene, z. B. “endogene” Krankheitsbilder) noch nicht viel Spielraum zu. Deshalb beschränkt sich die Diagnostik meist auf eine Zustands-Verlaufs-Typologie. Da aber verschiedene Noxen ähnliche Krankheitsbilder auslösen können (z. B. schizophrenieartige Psychosen bei belastenden Lebensereignissen, bei bestimmten Epilepsieformen, Rauschdrogen-Vergiftungen u. a.) bzw. gleiche Noxen verschiedenartige Zustandsbilder bedingen (z. B. chronischer Alkoholismus mit Delirium, Halluzinose, Demenz, Epilepsie), ist auch hier Vorsicht bzw. eine umfassende Daten-Sammlung mit allen verfügbaren Mitteln und ausreichend Zeit geboten. Der Sinn der Diagnose ist schließlich die konkrete Handlungsanweisung für Therapie und Prophylaxe.



Spezielle Psychopathologie

Zu den wichtigsten Störungen der speziellen Psychopathologie gehören:

– Störungen des Bewußtseins: vorwiegend quantitative Herabsetzung des Bewußtseins wie Benommenheit, Somnolenz, Sopor, Koma und die parasomnische Bewußtseinslage sowie vorwiegend qualitative Bewußtseinsstörungen wie Delirium tremens, Dämmerzustand, Oneiroid u. a. Im weiteren Sinne auch Bewußtseinssteigerung bzw. Bewußtseinserweiterung.

– Störungen des Ich-Bewußtseins: Depersonalisation, Derealisation sowie Störungen der Ich-Vitalität, Ich-Aktivität, Ich-Konsistenz, Ich-Kohärenz, Ich-Demarkation, Ich-Identität, Ich-Stärke sowie Störungen des Selbstbildes (Selbstkonzept, Persönlichkeitsbild).

– Störungen der Orientierung: Unsicherheit und Schwanken sowie Ausfall der Orientierung (Desorientierung), und zwar zeitlich, örtlich, zur Situation und zur eigenen Person.

– Störungen des Zeiterlebens: Beschleunigung oder Verlangsamung des Zeiterlebens (Zeitraffer- bzw. Zeitdehnungserlebnis), ferner zeitlicher Realitätsverlust sowie Störung der Zeitkategorien.

– Störungen von Gedächtnis und Erinnerung: allgemeine (diffuse) Störungen von Gedächtnis und Erinnerung (Hypomnesien, Amnesien, Dysmnesien) sowie umschriebene Amnesien und Hypermnesien; ferner Erinnerungsfälschungen (Paramnesien: Fälschung in Derealisation und Wahn, Pseudologie, Konfabulationen, vermeintliche Vertrautheit und Fremdheit).

– Störungen von Aufmerksamkeit und Konzentration: Unaufmerksamkeit, Einengung oder Schwankungen der Aufmerksamkeit und Konzentration.

– Störungen des Denkens: vor allem formale Denkstörungen, also wie etwas (krankhaft) gedacht wird. Beispiele: gehemmtes, verlangsamtes, beschleunigtes, ideenflüchtiges, eingeengtes, umständliches, unklares, paralogisches, inkohärentes (zerfahrenes) Denken, ferner Perseveration des Denkens, Gedankensperrung, Gedankenabreißen sowie Denkstörungen im Zusammenhang mit Ich-Erlebnisstörungen: Gedankenausbreitung, Gedankenentzug (Gedankenenteignung), Gedankeneingebung, Gedankenlenkung.

– Störungen der Sprache und des Sprechens (zumeist mit den Denkstörungen zusammengefaßt): Aphasien (expressive, sogenannte motorische Aphasie, sensorische Aphasie, amnestische Aphasie), ferner Aphonie und Dysphonie, Dysarthrie, Stottern, Stammeln, Logoklonie, Veränderung der Lautstärke, der Modulation, verlangsamtes (Bradyphasie) oder stockendes, abgerissenes oder beschleunigtes Reden (Tachyphasie) bis zum Rededrang (Logorrhoe), dazu Verbigerationen, Palilalie, verbale Stereotypie, Echolalie, Mutismus u. a. Schließlich die Unverständlichkeit der Sprache durch Privatsymbolik, Parasynthax/Paragrammatismus/Inkohärenz, Vorbeireden (Paraphasie), Neologismen, Kryptolalie (und damit Kryptographie) u. a.

– Intelligenzstörungen: Intelligenzdefekte (Oligophrenie, Demenz), psychosoziale intellektuelle Mangelausbildung, Störungen der Intelligenz bei gestörter Realitätsbeziehung (z. B. Autismus), bei Sinnesdefekten (z. B. Seh- und Gehörstörungen), bei herabgesetzter Wachheit (Vigilanz) sowie aus affektiven Gründen (z. B. “depressive Pseudodemenz”).

– Störungen der Affektivität: Ambivalenz (Gefühls-, intentionale und intellektuelle Ambivalenz), Ambitendenz, Parathymie, Affektarmut, Gefühl der Gefühllosigkeit, Affektstarre, Affekthaften, Affektlabilität, Affektinkontinenz sowie konkrete Affektsyndrome: depressives, manisches, schizophrenes, dysphorisches, hypochondrisches u. a. Affektsyndrom; ferner Primitiv- oder sogenannte überpersönliche Affektreaktionen sowie dauerhafte posttraumatische Verstimmungen (posttraumatische Belastungsstörungen; Psychotraumatologie).

– Störungen der Wahrnehmung: Ausfall einer Wahrnehmungsfunktion (aus organischen oder psychischen Gründen) sowie Abnormitäten der Wahrnehmung (Intensität, veränderte Größen- und Gestaltwahrnehmung, Gefühl der ungewöhnlichen Distanz oder Nähe, Änderung der Wahrnehmungscharaktere, Synästhesie, vermeintliches Wiedererkennen u. a.).

– Halluzinationen: akustische, optische, olfaktorische, gustatorische, taktile/haptische sowie zoenästhetische Halluzinationen, einschließlich den ihnen nahestehende Erfahrungsmodi: physiologische und Pseudo-Halluzinationen, illusionäre Verkennungen sowie Pareidolien, eidetische Bilder und Wahnwahrnehmungen.

– Wahnerleben (Wahnstimmung, Wahneinfall, Wahngedanken, Wahnwahrnehmungen, Wahnarbeit, Wahnerinnerungen, Wahnsystem, Wahndynamik), Charakter des Wahns (Wahnwirklichkeit und Realität), Wahnbedeutung, Wahnformen (z. B. Verfolgungs- oder Größenwahn), nosologische Einordnung bzw. die wahn-motivierende Situation/Psychodynamik (Wahn).

– Störungen des Antriesb: Antriebsverminderung und Antriebssteigerung.

– Störungen der Motorik: motorische Schablonen, Tics, Hyperkinese/Akinese/Stupor, Raptus, Grimassen, Fratzenschneiden, Paramimie, Katalepsie, Haltungsstereotypie, Negativismus, motorische Stereotypien, Echopraxie sowie bizarres und inadäquates Verhalten (Psychomotorik).

– Aggressionen: Fremdaggressivität, v.a. Selbstaggression (von der Automutilation bis zur suizidalen Handlung) (Aggression, Gewalt).

– Zwänge und Zwangsbefürchtungen (Phobien): Zwangsgedanken, Zwangsimpulse, Zwangshandlungen sowie Zwangsbefürchtungen (Zwänge).

– Impulshandlungen: Poriomanie, Sammeltrieb, Pyromanie, Kleptomanie und Dipsomanie (Impulshandlungen).

– Triebe: quantitative (Anorexie, Bulimie) sowie qualitative Anomalien des Appetitverhaltens (von ungewöhnlichen Gelüsten bis zu hoch pathologischen Verhaltensweisen, z. B. Kotessen). Das gleiche gilt für Anomalien des Durstverhaltens (Ernährungspsychologie).

– Störungen der Sexualität: unterteilt in ungewöhnliche (abnorme) Sexualobjekte (Pädophilie, Gerontophilie, Zoophilie, Nekrophilie, Fetischismus u. a.) sowie ungewöhnliche (abnorme) Sexualpraktiken (Fellatio, Analverkehr, Urethralismus, Sadismus/Masochismus, Voyeurismus, Exhibitionismus, Frotteurismus, Transvestitismus u. a.; Sexualität). Wachsende Bedeutung erlangen Transsexualismus und Inzest.

Literatur

Scharfetter, C. (1996). Allgemeine Psychopathologie. Eine Einführung. 4. neu bearbeitete Auflage. Stuttgart: Thieme.

Scharfetter, C. & Faust, V. (1999). Psychopathologie-Lexikon. Stuttgart: Thieme.

Faust, V. (Hrsg.). (1996). Psychiatrie. Ein Lehrbuch für Klinik, Praxis und Beratung. Stuttgart-Jena-New York: G. Fischer.

Jaspers, K. (1973). Allgemeine Psychopathologie. Berlin: Springer.


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